.. EHRENPREIS 2002

Votrag Univ.-Prof.Dr. Anton Pelinka

Kardinal Franz König und die Öffnung
von Gesellschaft und Politik in Österreich
 
1958 begann ein neues Pontifikat. Der neue Papst, Johannes XXIII., öffnete die Tore der Kirche – auch und gerade für die Lösung der österreichischen Konkordatsfrage, die die Beziehungen zwischen Staat und Kirche, zwischen Gesellschaft und Religion in diesem Lande so lange belastet hatte. 1957 schon hatte eine neue Generation in der Sozialistischen Partei Österreichs die Führung übernommen: Bruno Pittermann und Franz Olah, Bruno Kreisky und Felix Slavik und Christian Broda. 1958 gab sich die SPÖ ein neues Parteiprogramm. Dessen Formulierung signalisierten ebenfalls Öffnung: "Sozialismus und Religion sind keine Gegensätze. Jeder religiöse Mensch kann gleichzeitig Sozialist sein." Durch die Zuerkennung und die Überreichung des Ehrenpreises des Viktor Frankl-Fonds zur Förderung einer sinnorientierten humanistischen Psychotherapie haben Sie, Herr Bürgermeister, haben Sie, meine Damen und Herren, mir nicht nur eine seltene Ehrung zuteil werden lassen, sondern mich Ihrer Stiftung noch besonders verpflichtet. Einmal wegen des Einsatzes der Gemeinde Wien im Dienste der Psychologie und sozialen Verantwortung; denn damit nehmen Sie bezug auf die besondere Geschichte und das vielschichtige geistige Klima der Bundeshauptstadt, wo unsere drei Schulen der Psychotherapie entstanden sind und tiefe Spuren, nicht nur im sozialen Gefüge unserer Stadt und unseres Landes hinterlassen haben. Damit haben Sie bei aller Verschiedenheit der Aufgaben und Wege die Tore geöffnet für eine gute Zusammenarbeit einer Pastoralpsychologie in der Seelsorge. Als Kaplan in der Seelsorge durch mehr als 10 Jahre habe ich diese Verbindung kennen und schätzen gelernt.

Der seit 1956 amtierende Erzbischof von Wien, Franz König, wurde zu einem zentralen Akteur der Bewegung, die durch diese doppelte Öffnung – die der Kirche und die der österreichischen Sozialdemokratie – ausgelöst wurde. Im vollen Einverständnis mit dem Vatikan, insbesondere mit dem päpstlichen Nuntius Dellapiane, half König mit, diese historische Chance zu nutzen. Der Konkordatskompromiss von 1960 brachte eine für alle Beteiligten vernünftige Lösung der bis dahin blockierten Situation des konfessionellen Schulwesens und des Eherechtes.

Von da an hatte Franz König mit einer Punzierung zu leben – er wurde zum "roten Kardinal". Er galt als Repräsentant der neuen Gesprächsbasis zwischen der Katholischen Kirche, die für viele Sozialisten die entscheidende Kraft hinter der Diktatur Dolffuß’ und Schuschniggs war; und der Sozialistischen Partei, für viele Katholiken nach wie vor eine religionsfeindliche Bewegung. Dass Franz König – nunmehr Kardinal – in seiner Politik der Öffnung immer im vollsten Einverständnis mit dem Papst – mit Johannes XXIII. Wie auch mit Paul VI. – handelte, änderte nichts an dieser Punzierung.

Doch dieser Kardinal-Erzbischof von Wien war kein progressiver oder gar radikaler Stürmer und Dränger. Er war ein kluger Beobachter dessen, was in Gesellschaft und Kirche sich entwickelte. Im April 1970 besuchte der soeben zum Bundeskanzler bestellte Bruno Kreisky bei einem informellen Antrittsbesuch das Erzbischöflichen Palais in Wien. Kreisky versicherte König, dass die Alleinregierung der Sozialdemokratie unter einem – dem ersten – nicht-katholischen Bundeskanzler der Republik nicht zu einer Verschlechterung der Beziehungen zwischen Staat und Kirche führen werde. Dieses pragmatische Angebot, alles zu tun, dass alte Fronten nicht wieder wieder aufbrechen, wurde von König angenommen.

Und so entwickelte sich ein besonderer Sinn für das Mögliche: Der Vorsitzende der österreichischen Bischofskonferenz festigte das Verständnis für die Spielregeln in einer Zeit rascher Säkularisierung der Gesellschaft. Die Frauenbewegung forderte die männerbündischen Strukturen der Gesellschaft heraus. Ein radikaldemokratisches Verständnis bewegte verlangte nach Mitbestimmung in allen gesellschaftlichen Bereichen. Die Vorstellung von einem linearen wirtschaftlichen Fortschritt wurde von einem konsequent ökologischen Denken zunehmend in Frage gestellt.

Viele, wenn auch nicht alle Merkmale einer überstabilen, einer kaum beweglichen Gesellschaft fielen. Die Grenzen zwischen den politischen Lagern begannen durchlässig zu werden. Die junge Generation verhielt sich immer weniger so, wie das durch die alte vorgezeichnet erschien – gerade auch im politischen Bereich, gerade auch im Wahlverhalten. Die Politik in Österreich begann ihr für die Zweite Republik traditionelles, ihr zentrales Merkmal zu verlieren – das der unbedingten Berechenbarkeit. Und mit ihr verlor die Kirche vieles, was ihr – Jahrzehnte, ja Jahrhunderte hindurch – als fester Ankerplatz gedient hatte: Die "Ehe zwischen Partei und Altar", die 1918 die zwischen "Thron und Altar" abgelöst hatte, hatte immer weniger Bedeutung.

Die Gesellschaft war in Bewegung – und betroffen war auch die Kirche. Die Zahl derer, die sich in Österreich aktiv zur Katholischen Kirche bekannten, ging und geht weiter zurück – nicht dramatisch, aber beständig. Wäre es nicht naheliegend gewesen, dafür den berühmten "Zeitgeist" und für diesen die herrschenden politischen Verhältnisse verantwortlich zu machen? Doch Franz König stand für diejenigen, die sich einer so kurzschlüssigen Schuldzuweisung verweigerten. König stand in der Lehre seiner Kirche fest – aber er war bereit, der Republik zu geben, was der Republik war. Und das war die wechselseitige Garantie einer Eigenverantwortung; war, wie es das Mariazeller Manifest schon 1952 postuliert hatte, eine "freie Kirche in einem freien Staat".

Das kann – beispielhaft – am Konflikt rund um die Fristenlösung verdeutlicht werden. Die österreichische Kirche und an ihrer Spitze der Kardinal-Erzbischof von Wien ließen nie einen Zweifel daran aufkommen, dass für sie Abtreibung ganz eindeutig und prinzipiell abzulehnen ist. Und Franz König unterstützte auch demonstrativ die "Aktion Leben", die mittels des demokratischen Instruments eines Volksbegehrens die von der Sozialistischen Partei parlamentarisch durchgesetzte Fristenlösung zu verändern versuchte. Doch König widersetzte sich der Versuchung, aus diesem Konflikt einen Anlass für die Rückkehr zum politischen Katholizismus zu machen. Von König kam – etwa vor der Nationalratswahl 1975, als die Wogen rund um die Fristenlösung besonders hoch gingen – kein Wahlaufruf, keine parteipolitische Stellungnahme. König hatte die Zeichen der Zeit erkannt – wenn die Kirche sich für ihre Werte einsetzt, dann muss sie die Gesellschaft überzeugen, nicht nur die politische Eliten; dann muss sie das Herz und den Verstand der Menschen erreichen, nicht nur die Zentralen von Staat und Parteien. Mit König verabschiedete sich die Kirche in Österreich wohl endgültig von der Vorstellung, der Staat habe die Aufgabe, eine spezifisch katholische Moral gesetzlich fest- und vorzuschreiben.

Kardinal König wurde auch von weltpolitischen Bewegungen erfasst. Er wurde – neben seinem Amt in der Erzdiözese Wien und in der Kirche Österreichs – zu einem stillen, aber sehr effektiven Diplomaten, der in Ländern wie Ungarn, aber auch Polen und Jugoslawien mithalf, in den 60er und 70er Jahren den Status der katholischen Kirche in kommunistischen Regimes zu verbessern. Die gesellschaftliche Dynamik machte ja auch vor den Systemen sowjetischen Typs nicht halt. Und der Vatikan nutzte das Geschick des sowohl prinzipienfesten, als auch beweglichen Kardinal-Erzbischofs von Wien, um der Kirche in den Diktaturen rund um Österreich mehr Lebensraum zu sichern.

In dieser Zeit der Bewegung und des Aufbruchs entwickelte sich vieles, was der Katholischen Kirche Probleme macht und auch noch machen wird: Die Vorstellung von einer Historizität der Kirche, nach der der Ausschluss der Frauen vom Priesteramt als zwar geschichtlich verständlich, dogmatisch aber nicht begründbar gilt; die Vorstellung von einer Demokratie in der Kirche, in der der Geist nicht immer nur durch den Papst oder das Kardinalskollegium oder die Bischöfe sprechen muss, in der dieser Geist sich auch des "Volkes Gottes" zu bedienen vermag – durchaus im Sinne des Konzilsdokuments "Gaudium et Spes". In dieser Zeit der Bewegung und des Aufbruchs konnte sich die Kirche nicht einfach verschließen – und auch wenn sie sich nicht einfach nur öffnen konnte, so musste sie zur Kenntnis nehmen, dass sie, eben weil sie in der Gesellschaft existiert, sich von dieser nicht isolieren kann.

Wer, wenn nicht der frühere Kardinal-Erzbischof von Wien, steht für dieses Verständnis von der notwendigen, von der pragmatisch jeweils neu zu definierenden Balance im Verhältnis von Religion und Gesellschaft? Es ist eine Balance zwischen einer Kirche der Beliebigkeit, die hinter dem jeweils herrschenden Zeitgeist hinterher jagt; und einer Kirche der Verschlossenheit, die sich – zur Sekte geworden – von der Dynamik der Geschichtlichkeit verabschiedet, und zwar auch und besonders ihrer eigenen. Es ist die Balance, die der Kirche ermöglicht, vom Staat – von der Republik – Unterstützung vielfältiger Art zu erfahren, ohne dass sie deshalb irgendeine Vorrangstellung, etwa in der Verfassung, zu verlangen hat.

Als nach dem Rückzug Kardinal Königs von der Funktion des Erzbischofs von Wien in Österreich bald – etwa nach der Wahl Kurt Waldheims zum Bundespräsidenten – innenpolitische Polarisierungen das Bedürfnis nach einer lager- und parteiübergreifenden Autorität hervorbrachten, da wurde "der Kardinal" zur nationalen Integrationsfigur. Gerade weil er sich nicht mit tagespolitischen Stellungnahmen erschöpfte, wurde er zu einer moralischen Autorität in der gesamten Republik.

Wer, wenn nicht Kardinal Franz König, hat heute – in Zeiten sich abermals verschärfender Polarisierungen – eine solche nationale Autorität? In Zeiten der Unruhe und der Zukunftsangst steht sein Name nicht für Sicherheit – die kann er ebenso wenig wie andere garantieren; sondern für Vertrauen. Es ist ein Vertrauen, das auch Zuneigung genannt werden kann. Es ist eine Zuneigung, die sich Kardinal König verdient hat – nicht durch den populistischen Gestus, sondern durch seine besonnene Balance zwischen Bewahren und Öffnen.

Dass ein Mann der Kirche in einer so umfassend säkularisierten Gesellschaft zu einer solchen moralische Autorität geworden ist – das spricht wohl auch für die Kirche; vor allem aber spricht das für den Mann. Sein Leben umspannt einen ungeheuren Wandel – von der Monarchie über die Erste Republik, über die Bürgerkriege und die Diktatur, die sich "christlich" nannte, über die totalitäre Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus bis in die Zweite Republik. Sein Wirken ist mit dieser Zweiten Republik verbunden – mit ihrer ersten Phase der Stabilisierung der Demokratie; und auch mit ihrer zweiten Phase, in der eine überstabile Gesellschaft zu einer extrem beweglichen und unberechenbaren wurde.

Wer, wenn nicht Kardinal König, kann uns heute daran erinnern, dass es eine Balance braucht – zwischen dem Aufbruch zu neuen Ufern; und dem Beharren auf Kontinuität?
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